„Es ist Zeit für eine neue Baukultur“

Was wäre, wenn sich Handwerker*innen und Architekt*innen gemeinsam für nachhaltige Baumaterialien und ein Umdenken in der Baupraxis einsetzten? Aus dieser Frage heraus wurde der Verein Bauwende V ins Leben gerufen. Ein Gespräch mit Architektin und Vereinsobfrau Nina Beck.

Jenny Haimerl
Nina Beck, Architektin und Obfrau des Vereines "Bauwende V"

Energieinstitut: Bauwende V – wofür steht der Begriff? 

Nina Beck: Die „Bauwende“ steht für den Übergang hin zu einer neuen Baukultur und für das bewusste Hinterfragen bestehender Praktiken. Sie thematisiert, wie wir als Planende und Ausführende künftig anders handeln können. Denn die Art und Weise, wie wir bauen, prägt nicht nur unsere gebaute Umwelt, sondern auch unseren Umgang mit Ressourcen und mit unserem Umfeld. Das „V“ steht für Vorarlberg und unterstreicht den regionalen Bezug des Vereins.

Wer ist im Verein tätig?

Der Verein selbst ist eigentlich ein Netzwerk, bestehend aus unterschiedlichen Handwerker*innen, sowie planenden Personen und allen voran den regionalen Lehm- und Holzbauer*innen. 
In unserem Wirken sind wir überregional betrachtet, aber nicht allein! Österreichweit, aber auch in der Schweiz und in Deutschland gibt es mehrere Initiativen und Organisationen, die sich mit der Bauwende und einer neuen Baukultur beschäftigen und diese vorantreiben.  

Es wurden Lehm- und Holzbauer genauer benannt, warum ausgerechnet diese Materialien?

Im Zentrum steht für uns der Einsatz natürlicher Baustoffe. Holz und Lehm gehören zu den etabliertesten Materialien in diesem Bereich und sind längst keine Nischenprodukte mehr. Beide blicken auf eine lange Baugeschichte zurück. Holz ist in Vorarlberg tief in der regionalen Baukultur verankert. Lehm wiederum ist eines der ältesten Baumaterialien der Menschheit und erlebt derzeit eine neue Aktualität. Es wird, langsam aber sicher, konkurrenzfähig gegenüber anderen Baumaterialien. 

Ingo Candussi
Baumaterialien aus Holz und Lehm sind nachhaltig und regional verfügbar

Was sind die Vorteile vom Bauen mit Holz und Lehm?

Holz überzeugt als nachwachsender Baustoff, der CO₂ speichert und gleichzeitig präzises Arbeiten ermöglicht. Durch Vorfertigung lässt sich der Bauprozess effizient gestalten, was das Material zusätzlich attraktiv macht. Lehm hingegen ist breit verfügbar, vollständig kreislauffähig und trägt wesentlich zu einem angenehmen Raumklima bei. Lange galt Lehm als schwer vorzufertigendes Material, doch in den letzten Jahren hat sich hier viel entwickelt – etwa durch vorgefertigte Stampflehmelemente oder ungebrannte Lehmziegel, die bereits auch in Vorarlberg produziert werden.

Bleibt der Fokus des Vereines auf dem Bauen mit Holz und Lehm?

Grundsätzlich geht es um den Einsatz natürlicher und nachhaltiger Baustoffe im Allgemeinen, also soll sich der Fokus des Vereins sich nicht ausschließlich auf Holz und Lehm beschränken. Ziel ist es, den Verein weiterzuentwickeln und auch Akteur*innen einzubinden, die sich mit diesen und weiteren natürlichen Materialien beschäftigen.

Zurück zum Verein selbst: wie ist die Bauwende V entstanden?

Der Ursprung der Bauwende V hat sich vor mehreren Jahren angebahnt, bevor ich zur Obfrau des Vereins wurde.  Etwa 2018 hat sich nämlich eine Gruppe von Lehmbauern in Vorarlberg zusammengeschlossen um damals auf der Baumesse Com:bau in Dornbirn eine Sonderausstellung zum Material Lehm zu gestalten.

Diese war sehr interaktiv aufgebaut, so hat man z.B. sehen können wie ein Lehmputz aufgetragen wird und die Besucherinnen konnten die Materialen vor Ort angreifen. Dies und die Themen, die dort angesprochen wurden, sind auf breites Interesse gestoßen, auch seitens der Messe. Später sind dann weitere Akteur*innen dazugestoßen. Unter anderen sehr zentral war die Einbindung der Vorarlberger Holzbaukunst. So bin auch ich als Mitglied jener in dieses Netzwerk bzw. zu dieser Sonderausstellung dazugekommen.  

Der Verein selbst wurde als solches aber erst letztes Jahr gegründet. Davor war es eine Art Netzwerk, die sich für die Com:bau überlegt haben wie man natürliche und nachhaltigen Materialien der breiten Masse präsentieren, bzw. sprichwörtlich greifbar machen kann.  

Warum kam es zur Vereinsgründung?

Bisher war die Tätigkeit des Netzwerkes nur auf die Sonderausstellung, diese eine Tätigkeit im Jahr beschränkt.  Wir stellten aber fest, dass das Thema eine breitere Sichtbarkeit erfordert und wir damit auch mehr in die Öffentlichkeit gehen wollen.  
Zudem hat die Vereinsgründung auch einen funktionellen Vorteil. So können wir als gemeinnütziger Verein klarer auftreten und diverse Unterstützungsmöglichkeiten unkomplizierter beantragen. 

Ingo Candussi
Seit 2018 können Besucher*innen der Combau nachhaltige Materialien wie Holz oder Lehm kennenlernen.

Nachhaltiges Bauen ist ein Schwerpunkt des Vereines. Doch welches sind die größten Herausforderungen für nachhaltiges Bauen in Vorarlberg?

Ich als Planerin merke, dass das Bauen mit nachhaltigen Baustoffen oft als aufwendig, teuer und/oder sehr zeitintensiv wahrgenommen wird. Diese Vorurteile, die nur partiell begründet sind, halten sich hartnäckig. 
Gleichzeitig sehen wir es als unsere Aufgabe, anhand konkreter Projekte zu zeigen, dass nachhaltiges Bauen praktikabel und wirtschaftlich sein kann. Deshalb sprechen wir Themen wie Kreislaufwirtschaft oder Materialwahl frühzeitig im Planungsprozess an.

Hinzu kommt, dass viele Planer*innen mit bestimmten nachhaltigen Baustoffen Neuland betreten. Auch ich arbeite derzeit an einem Projekt zu dem es bislang nur wenige gebaute Referenzen gibt. Umso wichtiger ist der Austausch untereinander. Innerhalb des Netzwerks der Bauwende V können Erfahrungen geteilt werden, wodurch nicht jede*r die gleichen Fehler machen muss. So entsteht eine vertrauensvolle Basis, die gegenseitige Unterstützung ermöglicht und Innovation fördert.

„Gerade in Vorarlberg ist ein enormes handwerkliches Know-how vorhanden. Als Planerin kann ich davon nur profitieren.“
Nina Beck, über die Potentiale der Zusammenarbeit mit regionalen Handwerker*innen 

Was bewegt dich als Architekt*in sich unter anderen mit regionalen Handwerksbetrieben für Zukunftsfähiges Bauen einzusetzen?

Oft werden Handwerker*innen erst sehr spät in die Planungsprozesse einbezogen. Dabei ist gerade ihr Fachwissen und ihre Expertise enorm wertvoll, vor allem in den frühen Planungsphasen. In der Zusammenarbeit mit Handwerker*innen entstehen oft die innovativsten Lösungen: durchdacht, praxisnah und dann auch häufig übertragbar auf andere Projekte. Dieser Mehrwert wirkt nicht nur innerhalb eines einzelnen Projekts, sondern schafft auch eine wertvolle Grundlage für zukünftige Umsetzungen.

Gerade in Vorarlberg ist ein enormes handwerkliches Know-how vorhanden. Als Planerin kann ich davon nur profitieren. In der Zusammenarbeit entstehen Lösungen, die nicht nur intelligent, sondern auch dauerhaft anwendbar sind – und damit weit über das einzelne Projekt hinauswirken.


Stichwort Zukunft: wie sieht sie für nachhaltiges Bauen in Vorarlberg aus?

Ich bin eine Optimistin – ich bin der Überzeugung, dass nachhaltiges Bauen keine Frage ist, sondern die Zukunft.  Ich denke aber auch, dass das Thema viel selbstverständlicher wird. Mit zunehmend umgesetzten Pilotprojekten vergrößert sich das Wissen, und vereinfacht damit nachhaltige Bauweisen für Planende und Umsetzende. 

Die Ressourcenfrage gewinnt allerdings auch an Relevanz und zwingt uns nahezu dazu sich mit der Materialwahl auseinanderzusetzen. Beispielsweise wird die kommende OIB Richtline 7 diese Thematik in Zukunft aufgreifen. Im Moment ist man noch ein Visionär, wenn man sich mit nachhaltigen Bauweisen befasst, aber dies ist die Richtung in welche wir uns als Bauschaffende bewegen.  
Vorarlberg bietet durch seine Baukultur und sein handwerkliches Wissen ideale Voraussetzungen, um hier eine Vorreiterrolle einzunehmen.
 

„Die Bauwende kann nicht durch eine Person, sondern nur in der Zusammenarbeit von Planenden und Bauenden vorangetrieben werden.“ 
Nina Beck, zur Bauwende in Vorarlberg 

Welche Rolle spielt der Verein Bauwende V im Vorarlberger Bauwesen?

Der Verein Bauwende V selbst sieht sich vor allem in einer verbindenden Rolle. Wir bieten eine Plattform zum Austausch, ermöglichen die Sichtbarkeit von nachhaltigen Baumaterialien wie Holz oder Lehm, und stehen für das gemeinsame Lernen aus unseren Erfahrungen. 
Die Devise: Wissen teilen und Ideen gemeinsam entwickeln.  

Wir sind als Verein noch sehr jung und befinden uns noch in den Kinderschuhen, aber es ist schön zu beobachten, wie sich die Mitglieder*innen mit ihrer Haltung in die gleiche Richtung bewegen. Dies schafft meiner Meinung nach viel Motivation für unser Wirken. Die Potentiale sind groß um als Bauwende V zu wachsen.  Die Bauwende kann nicht durch eine Person, sondern nur in der Zusammenarbeit von Planenden und Bauenden vorangetrieben werden.

Gibt es von deiner Seite aus zum Abschluss noch eine zentrale Botschaft?  

Wir sollten mutiger sein. Innovation entsteht durch den Mut, neue Wege zu gehen. Wenn wir diesen Mut in konkrete Projekte übersetzen, zeigen wir, was möglich ist und tragen dazu bei, bestehende Vorurteile abzubauen.

Zur Person: Nina Beck ist selbständige Architektin mit einem Architekturbüro in Egg, Obfrau des Vereins Bauwende V und Praxisdozentin an der Universität Liechtenstein.  Ihr Fokus liegt auf nachhaltigem Bauen und auf der kreativen Umnutzung bestehender Gebäude. 

veröffentlicht 01.06.2026