Warum die Wirtschaftskrise nicht auf Energiepreise zurückzuführen ist
In letzter Zeit häufen sich die Kommentare, dass die Wirtschaftskrise ihren Ursprung in hohen Energiepreisen findet und der Ausbau von PV und Windkraft die Preise treibt. Unser Geschäftsführer Martin Reis analysiert, warum das falsch ist.
Ein Kommentator in den Vorarlberger Nachrichten reihte sich jüngst ein in die Riege derer, die meinen, dass die österreichische Wirtschaft unter einer verfehlten deutschen Energiepolitik leide und die den Ausbau von Windkraft und Photovoltaik als Preistreiber für Stromkunden ausmachen.
So sehr man die Energiepolitik kritisieren kann, sind diese Schlüsse in vielerlei Hinsicht faktisch falsch: Die massiven Preissteigerungen der letzten Jahre sind auf explodierende Gaspreise durch den Ukrainekrieg und die Abhängigkeit von russischen Lieferungen zurückzuführen. Abhängigkeiten, die sich wegen des „Merit Order“-Systems auch auf die Strompreise übertragen haben.
Dank dem Ausbau heimischer erneuerbarer Energieträger ist es aber gelungen, die Strompreise in Deutschland wieder zu senken – sie liegen heute auf dem Niveau von 2021 – inflationsbereinigt sind sie sogar 20 % günstiger. Auch bei uns sehen wir weit und breit keine hohen Strompreise. Die illwerke vkw hat – im Gegenteil – die Strompreise für Vorarlberg gerade weiter gesenkt.
Wirtschaftskrise nicht auf Energiepreise reduzieren
Hohe Energiepreise sind vor allem für energieintensive Branchen eine Belastung im Wettbewerb. Öl, Gas und Benzinpreis sind aber nicht gestiegen, weil PV- oder Windkraftanlagen ausgebaut werden… Die Wirtschaft insgesamt schwächelt vor allem wegen versäumter oder abgedrehter Innovation (E-Autos, Solarindustrie) und wegen des Wegfalls wichtiger Exportmärkte: China, weil es immer mehr Produkte auf technisch hohem Niveau selbst erzeugt und auch exportiert. Die USA, weil sie sich mit Zöllen gegen Importe aus Europa abschotten.
Dass niedrige Strompreise abgesehen davon gar nicht so entscheidend für die prosperierende Entwicklung eines Landes sind, zeigen zwei Beispiele aus Europa: Dänemark hat Öl und Gas massiv durch erneuerbare Energieträger ersetzt und zudem einen der höchsten Strompreise in der EU, was zum sorgsamen Umgang mit Energie animiert und offensichtlich Innovation mehr befördert als bremst. Denn Dänemark gehört in vielen Belangen zu den Aushängeschildern der EU.
Oder Spanien: Vor einem Jahrzehnt noch eines der teuersten Stromländer Europas, wurde der Anteil von PV-Strom massiv gesteigert und der Strompreis im gleichen Ausmaß auf eines der niedrigsten Niveaus in Europa gesenkt. Im Gegensatz dazu hat Ungarn die niedrigsten Strompreise – ohne dass es dadurch einen Wirtschaftsboom erlebt hat.
Strom aus Erneuerbaren stabilisiert Preis und Versorgung
Warum macht der forcierte Ausbau vor allem erneuerbarer Energieträger Sinn? Nicht per se, weil er Preise senkt, sondern vor allem, weil er sie langfristig stabilisiert, berechenbar macht und die Wertschöpfung im Land behält. Denn das Argument, dass man ja nicht genau weiß, wann der Wind weht oder die Sonne scheint, stimmt nur auf kurze Sicht. Im Jahresverlauf ist die erwartbare Produktion von Strom aus Erneuerbaren gut berechenbar. Ganz im Gegensatz zum Verhalten fragwürdiger Regimes, die Transportwege für Öl und Gas von heute auf morgen blockieren können.
Statt Milliarden ins Ausland lieber Milliarden ins heimische Stromnetz
Und die mitunter beklagten Kosten für ein zukunftsfähiges Stromnetz sehen wir im Gegenteil als absolut wichtige Investition an: Statt Jahr für Jahr Milliarden Euro für fossile Energieträger ins Ausland abfließen zu lassen, investieren wir sie lieber in eine sichere, widerstandsfähige Infrastruktur für Generationen, heimische Wertschöpfung und Beschäftigung. Und als Beitrag, der auch private Investitionen in den Ausbau der Energieunabhängigkeit ermöglicht.
Energieautonomie gibt Sicherheit
Vorarlberg ist energiepolitisch mit Augenmaß und Sachverstand unterwegs: Seit 2009 nämlich mit dem Beschluss zur Energieautonomie und damit, den Ausbau erneuerbarer Energieträger zu steigern und den Energieverbrauch so weit zu reduzieren, dass wir uns am Ende in der Jahresbilanz selbst und vollständig mit heimischem, erneuerbarem Strom und Wärme versorgen können
Im heurigen Frühjahr wurde dieser Beschluss einstimmig im Landtag aktualisiert – und um den Ausbau von Windkraft und die weitere Ertüchtigung der Stromnetze ergänzt. Das gibt Sicherheit, schafft Arbeitsplätze und schützt das Klima. Und auf diese Weitsicht vergangener und aktueller Entscheidungsträger*innen aus allen politischen Fraktionen können wir stolz sein.