Instandsetzung und energetische Verbesserung der Gebäudehülle
Unsanierte Mehrwohnungshäuser verbrauchen bis zu 80 Prozent mehr Heizenergie als notwendig. Ursache sind meist fehlende oder unzureichende Dämmmaßnahmen.
Der richtige Zeitpunkt für die energetische Hüllsanierung
Energetische Verbesserungen der Gebäudehülle sind besonders effizient, wenn sie mit ohnehin notwendigen Instandhaltungsmaßnahmen kombiniert werden. Typische Beispiele sind:
- Fassadendämmung beim Neuanstrich
- Dachdämmung bei Erneuerung der Dachhaut
- Energetische Verbesserung beim Fenstertausch
Wichtig zu wissen:
Die Bauteile der Gebäudehülle werden im Schnitt nur alle 40 bis 60 Jahre erneuert. Deshalb ist es entscheidend, diesen Zeitpunkt optimal zu nutzen und den energetischen Standard auf das bestmögliche, wirtschaftlich vertretbare Niveau anzuheben. Kurzfristig günstigere Teillösungen führen langfristig oft zu höheren Kosten und größerer Umweltbelastung.
Jede Sanierungsentscheidung bestimmt voraussichtlich den Energieverbrauch der nächsten 50 Jahre!
Empfohlene energetische Zielwerte
Die energetische Qualität von Bauteilen wird über U-Werte definiert: Je niedriger der U-Wert, desto besser ist der Dämmstandard.
Die folgende Tabelle bietet eine Orientierung zu den empfohlenen energetischen Standards der Gebäudehülle. Die vorgeschlagenen U-Werte lassen sich mit praxisgerechten Dämmstärken erreichen. Die damit verbundenen Mehrkosten sind in der Regel überschaubar und werden langfristig durch geringere Energiekosten kompensiert.
Es lohnt sich, die Dämmstärke nicht zu knapp zu bemessen: Jeder zusätzliche Zentimeter verbessert die Energieeffizienz und rechnet sich langfristig!
In der Tabelle wird zwischen größeren und kleineren Mehrwohnungshäusern unterschieden. Kleinere Gebäude haben aufgrund ihres ungünstigeren Verhältnisses von Außenfläche zu Volumen höhere Wärmeverluste und erfordern daher einen höheren Dämmstandard.
| GRÖSSERES MEHRWOHNUNGSHAUS (>20 WE) | KLEINERES MEHRWOHNUNGSHAUS (<20 WE) | |||
| U-WERT [W/(m²K)] | DÄMMSTÄRKE | U-WERT [W/(m²K)] | DÄMMSTÄRKE | |
| Außenwand | 0,15 - 0,17 | 20 - 22 cm | 0,12 - 0,14 | 24 - 28 cm |
| Fenster* | 0,80 | 0,70 | ||
| Flachdach/Schrägdach | 0,13 - 0,16 | 26 - 32 cm | 0,10 - 0,12 | 30 - 34 cm |
| Kellerdecke | 0,18 - 0,20 | 10 - 18 cm | 0,16 - 0,18 | 14 - 20 cm |
Maßnahmen im Überblick
Dämmung der Außenwände
Die Dämmung der Außenwände ist eine zentrale Maßnahme der energetischen Sanierung. Sie reduziert Wärmeverluste, senkt Energiekosten und erhöht den Wohnkomfort. Besonders sinnvoll ist sie, wenn ohnehin Fassadenarbeiten wie Anstrich oder eine Putzsanierung anstehen.
Gängige Systeme:
- Wärmedämmverbundsysteme (WDVS): Kostengünstig und weit verbreitet; Dämmplatten werden auf die bestehende Fassade geklebt oder gedübelt, anschließend verputzt. Ökologische Alternativen sind Holzfasern, Hanf, Kork oder Stroh. Nachteile: mechanische Empfindlichkeit, Algenbewuchs, Entsorgung schwierig.
- Aufdopplung bestehender Wärmedämmverbundsysteme: Ältere WDVS lassen sich oft nachträglich verstärken, um heutigen energetischen Anforderungen zu entsprechen. Ist die Verklebung und Verdübelung der bestehenden Dämmung noch intakt, werden die zusätzlichen Platten direkt angeklebt und mit Dübeln gesichert. Oft ist jedoch eine Vergrößerung der Klebefläche durch das sogenannte „Stripp-Verfahren“ nötig, bei dem die Putzschicht der Fassade geschlitzt wird. Anschlüsse wie Fensterbänke müssen dabei ebenfalls
angepasst oder erneuert werden. Vor einer Aufdopplung sind neben der Prüfung des bestehenden WDVS auch brandschutztechnische Gutachten erforderlich. Einige Hersteller verfügen bereits über bauaufsichtliche Zulassungen für diese Systeme. - Tragkonstruktion mit Einblasdämmung: Die Hohlräume in einer Holz- oder Metallkonstruktion werden mit Dämmstoffen wie Zellulose, Holzfasern oder Mineralwolle gefüllt. Unebenheiten der Bestandswand lassen sich so leicht ausgleichen.
- Vorgehängte hinterlüftete Fassaden: Ästhetisch und gut recyclebar: Zwischen einer Tragschale und der äußeren Verkleidung wird Dämmmaterial eingebracht, Feuchtigkeit wird über einen Luftzwischenraum abgeführt.
- Sonderfall Innendämmung: Ist eine Außendämmung aus baulichen oder rechtlichen Gründen nicht möglich, kann eine Innendämmung geprüft werden. Sie ist jedoch bauphysikalisch anspruchsvoll.
Fenstertausch
Die Qualität der Fenster ist sowohl für die Energieeffizienz als auch für den Wohnkomfort relevant. Wichtige Kriterien sind:
- U-Wert (Uw): Gibt den Wärmedurchgangskoeffizienten des Fensters an, er setzt sich flächengewichtet zusammen aus dem U-Wert des Glases (Ug), dem des Rahmens (Uf) sowie aus dem Wärmebrückenzuschlag für die Abstandhalter. Je kleiner der U-Wert, desto besser die Dämmwirkung.
- g-Wert: Beschreibt den Gesamtenergiedurchlass und zeigt, wie viel Sonnenenergie ins Gebäude gelangt. Ein optimierter g-Wert kann Heiz- und Kühlbedarf reduzieren.
- Schlankere Rahmen erhöhen den Glasanteil und verbessern die Tageslichtnutzung.
- Fensterposition: Die Einbausituation in der Wand beeinflusst die Wärmebrückenbildung. Bei Fenstertausch sollten die neuen Fenster nach Möglichkeit außenbündig oder „in der Dämmebene“ eingebaut werden.
- Sonnenschutz: Außenliegende Systeme schützen effektiv vor sommerlicher Überhitzung; bestehende Rollladenkästen sollten gedämmt oder ersetzt werden.
Wärmenbrückenkatalog für Fenstereinbau in Sanierung und Neubau
Detaillierte Hinweise zum Fenstereinbau bietet der umfassende Wärmebrückenkatalog Fenstereinbau des Energieinstituts Vorarlberg. Er zeigt Einbausituationen von Fenstern in Neubau und Sanierung und unterstützt die energetische und wirtschaftliche Optimierung des Bauteils Fenster.
Dach
Dämmung der obersten Geschossdecke
Bei Schrägdächern mit unbeheizten Dachräumen ist die Dämmung der obersten Geschossdecke die einfachste und kostengünstigste Lösung. Geeignete Materialien sind Holzfaserdämmplatten, Mineralwolle, Hartschaum oder Einblas-/Schüttdämmungen wie Zellulose oder Stroh. Für höhere Dämmstärken empfiehlt sich eine zweilagige Verlegung mit versetzten Stößen. Als begehbare Fläche können Holzbohlen und Holzwerkstoffplatten oder Trockenestrich verlegt werden. Spezielle Systeme mit Abstandshaltern ermöglichen die Kombination von begehbarer Fläche und Einblasdämmung.
Zwischensparrendämmung
Bleibt die bestehende Dacheindeckung eines Schrägdachs erhalten, eignet sich die Zwischensparrendämmung für die nachträgliche Dämmung von innen. Voraussetzung ist eine regensichere, aber diffusionsoffene Unterdeckung. Als Dämmstoffe kommen Holzfaser- oder Mineralwollematten/-platten sowie Einblasdämmungen aus Zellulose, Holzfaser oder Stroh zum Einsatz. Reicht die Sparrenhöhe nicht aus, kann zusätzlich eine Untersparrendämmung eingebaut werden. Vor Beginn der Arbeiten sollte die Tragfähigkeit der Dachkonstruktion geprüft werden, besonders wenn zusätzliche Lasten durch Dämmung oder Photovoltaik geplant sind.
Flachdachdämmung
- Warmdach: Auf ältere Warmdächer mit unzureichender Dämmung wird meist eine zusätzliche Dämmschicht mit neuer Abdichtung auf den bestehenden Dachaufbau aufgebracht. Übliche Materialien sind XPS, EPS oder druckfeste Holzfaserplatten.
- Plusdach: Ist die bestehende Dachabdichtung eines Warmdaches intakt und für die zusätzliche Belastung geeignet, kann ein Plusdach ausgeführt werden. Dabei wird auf den vorhandenen Dachaufbau eine feuchteunempfindliche und druckfeste XPS-Dämmung verlegt. Darüber folgen je nach System eine Filter- bzw. Trennlage sowie eine Auflast aus Kies, Plattenbelägen oder einer Dachbegrünung. So kann der bestehende Dachaufbau weitgehend erhalten und die Wärmedämmung deutlich verbessert werden.
- Kaltdach: Ein Flachdach als Kaltdach ist durch eine Belüftungsebene zwischen Wärmedämmung und der Dachhaut gekennzeichnet. Eine nachträgliche Verbesserung der Wärmedämmung kann je nach Situation von oben oder von unten vorgenommen werden. In jedem Fall ist der neue Gesamtaufbau bauphysikalisch zu prüfen.
- Attika: Rundum dämmen, um Wärmeverluste zu vermeiden; oft ist eine Erhöhung der Attika notwendig.
Die Kellerdecke dämmen
Bei der Dämmung der Kellerdecke gibt es neben dem angestrebten U-Wert weitere Anforderungen, um optimale Energieeffizienz und Nutzungsqualität zu erreichen:
- Lichte Höhe: Bei geringer lichter Raumhöhe sind Dämmstoffe mit besonders guter Wärmeleitfähigkeit vorteilhaft.
- Feuchtigkeit: Kellerräume sind anfällig für Feuchteprobleme, daher sollten die Dämmstoffe feuchtegeeignet sein.
- Perimeterdämmung: Idealerweise wird die Kellerdeckendämmung mit einer außenliegenden Sockeldämmung kombiniert, die bis ins Erdreich reicht.
- Flankendämmung: Eine zusätzliche Innendämmung im oberen Bereich der Außenwand reduziert Wärmebrücken an Übergängen zwischen Kellerwand, Kellerdecke und Außenwand.
Wärmebrücken minimieren
Wärmebrücken sind Schwachstellen in der Gebäudehülle, an denen mehr Wärme verloren geht als in den angrenzenden Bauteilen. Gleichzeitig sinkt die Oberflächentemperatur auf der Innenseite - mit dem Risiko von Tauwasserbildung und Schimmel.
Bei der nachträglichen energetischen Verbesserung einzelner Bauteile ist daher auf die Vermeidung von Wärmebrücken zu achten - besonders an den Übergängen zwischen Bauteilen, etwa bei Balkonen oder zwischen Dach und Fassade. Ziel ist eine möglichst lückenlos durchgehende Dämmschicht. Durchdringungen wie Geländer oder Markisen sollten thermisch getrennt ausgeführt werden.
Ein sensibler Bereich ist der Sockel: Hier sollte die Fassadendämmung ausreichend tief geführt und mit der Perimeterdämmung verbunden werden – idealerweise mindestens 80 cm ins Erdreich. So lassen sich Wärmeverluste und Feuchteschäden wirksam reduzieren.
Luftdichtheit
Die Luftdichtheit bestimmt, wie viel Luft – und damit Wärme oder Kälte – unkontrolliert aus einem Gebäude entweicht. Eine dichte Gebäudehülle verbessert die Energieeffizienz und schützt vor Bauschäden durch Feuchtigkeit und Kondensation.
Gemessen wird die Luftdichtheit mit dem Blower-Door-Test. Ergebnis ist die Luftwechselrate n₅₀: Sie zeigt, wie oft pro Stunde das Luftvolumen bei 50 Pascal ausgetauscht wird – je niedriger der Wert, desto besser.
Empfohlene Grenzwerte (OIB-Richtlinie 6):
- ≤ 3,0 h⁻¹ (ohne mechanische Lüftung)
- < 1,5 h⁻¹ (mit Lüftungsanlage)
Ambitionierte Sanierungen erreichen deutlich bessere Werte – bis etwa 0,60 h⁻¹. Eine vertraglich vereinbarte Überprüfung der Luftdichtheit wird empfohlen.
Amortisationsrechner für Bauteile
Das Österreichische Institut für Baubiologie und -Ökologie (IBO) hat gemeinsam mit baubook den „Ökologischen Amortisations- und Wirtschaftlichkeitsrechner“ für Bauteile entwickelt. Mit diesem Tool lässt sich transparent ermitteln, ob sich eine Dämmmaßnahme sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich lohnt – und wie sie sich auf zentrale Umweltkennwerte auswirkt. Verschiedene Dämmstärken, Baustoffe, Konstruktionen und Energieträger können dabei direkt miteinander verglichen werden. Die Kostenkennwerte und Annahmen für die Wirtschaftlichkeitsberechnungen lassen sich individuell anpassen. www.baubook.at/awr
